Es ist Juli. Die einen sind schon am Meer, die anderen zählen die Tage bis zum Urlaub im August — und wer die letzte Hitzewelle in der Wohnung ausgesessen hat, dem reicht das Abenteuer vielleicht fürs Erste. Für alle gibt es diesmal keinen Fachartikel, sondern eine Geschichte für den Liegestuhl: die berühmteste Reisegeschichte Chinas. Sie dauerte siebzehn Jahre, führte über 25.000 Kilometer — und sie beginnt mit einem Gesetzesbruch.

Wandernder Mönch mit Stab und Reisehut, begleitet von einem Affen, vor Bergen und Wolken — Holzschnitt-Illustration zur Reise nach Westen

Ein Mönch bricht auf — illegal

China, im Jahr 629. Der junge Mönch Xuanzang hat ein Problem: Die buddhistischen Schriften, die er studiert, sind lückenhafte Übersetzungen aus dritter Hand. Die Originale liegen in Indien — auf der anderen Seite von zwei Wüsten und drei Gebirgen. Xuanzang beantragt eine Reiseerlaubnis. Der Kaiser hat die Grenzen allerdings wegen unruhiger Zeiten gesperrt, der Antrag wird abgelehnt. Xuanzang geht trotzdem. Bei Nacht schleicht er sich an den Wachtürmen vorbei aus dem Reich — als Mönch auf der Flucht vor der eigenen Obrigkeit.

In der Wüste Gobi verschüttet er seinen Wasserschlauch. Vier Tage und fünf Nächte ohne Wasser, halb bewusstlos im Sattel — bis sein altes Pferd von selbst die Richtung ändert und ihn zu einer verborgenen Oase trägt. Das Tier kannte den Weg, es war die Strecke früher mit Karawanen gegangen. Man könnte sagen: Die erste Etappe der berühmtesten Reise Chinas wurde von einem pensionierten Pferd gerettet.

Im Königreich Turfan will der König den charismatischen Mönch gleich behalten — als persönlichen Hofprediger, auf Lebenszeit. Xuanzang tritt in den Hungerstreik. Nach drei Tagen gibt der König auf, und aus dem Gefangenen wird ein Ehrengast: Er zieht weiter mit Geleitbriefen, Proviant und einer Eskorte. So geht es siebzehn Jahre — über die vereisten Pässe des Tianshan, durch die Reiche Zentralasiens, bis nach Indien, wo Xuanzang jahrelang am großen Kloster Nalanda studiert, dem Oxford seiner Zeit.

Als er 645 zurückkehrt, mit 657 Schriftrollen auf einer ganzen Karawane von Packpferden, wartet keine Strafe auf ihn. Der Kaiser empfängt den Grenzverletzer von damals als Nationalhelden. Den Rest seines Lebens verbringt Xuanzang übersetzend — und sein Reisebericht ist bis heute eine der wichtigsten Quellen über das damalige Zentralasien und Indien.

Und dann kam der Affe

Die wahre Geschichte war so gut, dass China sie 900 Jahre lang weitererzählte — in Teehäusern, auf Märkten, in Opern. Und wie das mit guten Geschichten so ist: Sie wurden mit jedem Erzählen ein bisschen besser. Im 16. Jahrhundert floss das alles in einen Roman: „Die Reise nach Westen“ (Xīyóujì, 西遊記), eines der vier klassischen Bücher Chinas — und bis heute wohl das beliebteste.

Im Roman bekommt der Mönch Gefährten. Allen voran: Sun Wukong, den Affenkönig. Geboren aus einem Stein, beherrscht er 72 Verwandlungen, ein einziger Salto trägt ihn 108.000 Li weit, und sein goldener Stab schrumpft auf Nadelgröße, um hinterm Ohr verstaut zu werden. Vor der Reise hat er die Pfirsiche der Unsterblichkeit gestohlen, das himmlische Heer verprügelt und den ganzen Himmelspalast verwüstet — wofür ihn Buddha 500 Jahre unter einem Berg einklemmte. Die Reise ist seine Bewährung: Er soll den wehrlosen Mönch beschützen.

Dazu kommen Zhu Bajie, ein verfressenes, faules Schweinswesen mit goldenem Herzen, und der wortkarge Sandmönch. Gemeinsam bestehen sie 81 Prüfungen gegen Dämonen, die alle dasselbe wollen: ein Stück vom Mönch essen, denn sein Fleisch soll unsterblich machen. Das ist Abenteuer, Märchen und Komödie in einem — und falls Ihnen Ihre Enkel je von Dragon Ball und Son Goku erzählt haben: Das ist er, der Affenkönig, in japanischer Verkleidung.

Der Affe in unserem Kopf

Warum diese Geschichte auf einem Qigong-Blog? Weil Sun Wukong im Roman einen zweiten Namen trägt: Xīn Yuán (心猿) — „der Affe des Herzens“. Die alten Chinesen meinten damit unseren unruhigen Geist, der von Ast zu Ast springt: Einkaufsliste, Urlaubsplanung, das Gespräch von gestern, die Sorge von übermorgen. Jeder, der schon einmal versucht hat, still zu stehen und ruhig zu atmen, ist diesem Affen begegnet.

Das Schöne an der Geschichte: Der Mönch kommt nicht ans Ziel, obwohl der wilde Affe dabei ist — sondern weil. Gezähmt wird der Unruhestifter zur stärksten Kraft der ganzen Reise. Loswerden muss man ihn nicht, das gelingt ohnehin nicht einmal Buddha dauerhaft. Genau so üben wir im Qigong: Der Affe darf mitkommen. Aber der Atem geht voran.

Auch eine Reise von tausend Meilen beginnt unter deinen Füßen.

Laozi

Kleine Reisen für heiße Tage

Niemand muss diesen Sommer die Gobi durchqueren. Es reicht die kleine Expedition: in der Früh, bevor die Hitze kommt, zehn Minuten am offenen Fenster, am Balkon oder im Schatten des Parks — ein paar ruhige Bewegungen, ein paar tiefe Atemzüge. Nicht als Pflichtprogramm, eher als Spaziergang für den inneren Affen, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt. Xuanzang hätte für zehn ruhige Minuten im Schatten vermutlich einiges gegeben.

Im August gibt es dann Neuigkeiten zu den Herbstkursen. Bis dahin: einen schönen Sommer — und gute Reisen, die großen wie die kleinen.