Der Mai hat Wien in Bewegung gebracht. Die Tage werden länger, das Licht wärmer — und wer genau hinspürt, bemerkt vielleicht auch im Inneren eine Art Aufbruch. In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ist das kein Zufall: Der Frühling ist die Zeit der Leber.

Leber und das Holz-Element
In der TCM steht jede Jahreszeit im Einklang mit einem der fünf Elemente. Der Frühling gehört zum Holz-Element — und das Holz-Element gehört zur Leber.
Die Leber hat in der TCM eine besondere Aufgabe: Sie sorgt für den freien und gleichmäßigen Fluss des Qi im gesamten Körper. Man könnte sie sich wie einen inneren Dirigenten vorstellen — wenn sie gut funktioniert, fließt alles harmonisch. Wenn ihr Qi sich staut, entstehen Anspannung, Gereiztheit, Erschöpfung — manchmal auch körperliche Beschwerden wie Verspannungen oder Verdauungsprobleme.
Der Frühling ist die Zeit, in der das Leber-Qi natürlich aufsteigt und nach außen drängt — wie ein junger Trieb, der durch die Erde bricht. Nutzen wir diese Energie, kann der Frühling ein echter Neuanfang werden. Ignorieren wir sie, riskieren wir, dass das aufsteigende Qi sich anstaut.
Leber-Qigong im Daoyin Yangsheng Gong
Im Daoyin Yangsheng Gong (DYYSG) — dem System, das wir in meinen Kursen praktizieren — gibt es spezifische Übungsformen für jedes Organ. Das Leber-Qigong (Serie 03, auch Daoyin Baojian Gong genannt) wurde entwickelt, um die Qi-Stagnation in der Leber zu lösen und den freien Fluss des Qi im gesamten Körper zu fördern.
Das DYYSG arbeitet dabei wie die Chinesische Kräuterheilkunde: Eine spezifische Kombination aus Körperhaltung, Bewegungsführung, Atmung und bewusster Aufmerksamkeit erzeugt eine gezielte Wirkung — auf die Leber, auf das Qi, auf das gesamte System. Das Leber-Qigong hilft nicht nur bei direkten Leberbeschwerden — es fördert die vitale Aktivität des gesamten Körpers, baut Stress ab und stabilisiert den Gemütszustand.
Ernährung im Frühling — was der Leber gut tut
Bewegung allein ist nicht alles. Die TCM-Ernährungslehre gibt klare Empfehlungen, welche Lebensmittel im Frühling besonders förderlich sind — und welche die Leber belasten.
Der saure Geschmack gehört zum Holz-Element. Er kühlt eine überhitzte oder gestresste Leber, wirkt zusammenziehend und bewahrt die Körpersäfte. Gleichzeitig bewegt er das Qi nach innen und unten — was bei innerer Unruhe, Reizbarkeit und Schlafstörungen sehr günstig ist.
Besonders empfehlenswert im Frühling:
- Frische grüne Gemüse — alle grünen Nahrungsmittel tragen aufgrund ihrer Farbe einen Holz-Anteil in sich und unterstützen die Leberenergie direkt
- Spargel — saisonales Frühlings-Gemüse, leicht, entwässernd, fördert das Ausleiten von angesammelten Stoffen
- Zitronensaft — saurer Geschmack in reiner Form; ein Glas warmes Wasser mit Zitronensaft am Morgen regt die Leber sanft an
- Keimlinge und Sprossen — verkörpern die aufsteigende Holz-Energie des Frühlings: frisch, leicht, voller Lebenskraft
- Wildkräuter wie Bärlauch, Brennnessel und Löwenzahn — traditionelle Frühjahrs-Bitterkräuter, die Leber und Gallenblase entlasten
- Dinkel und Weizen — den Holz-Organen zugeordnete Getreidearten

Als allgemeines Frühlings-Prinzip gilt: leicht statt schwer. Nach den reichen Wintermahlzeiten ist der Frühling die beste Zeit, um Leber und Gallenblase zu regenerieren — mit frischer Pflanzenkost, weniger Fett und mehr Rohkost. Das gibt den Holz-Organen die Möglichkeit, Hitzezustände auszuleiten und sich zu erneuern.
Was Sie jetzt tun können
Eine der wirkungsvollsten Maßnahmen im Frühling ist schlicht: sich mehr bewegen. Die Leber mag keine Stagnation. Dehnen, gehen, tief atmen — und wenn möglich: Qigong.
Demnächst zeige ich Ihnen eine passende Bewegungsübung als Video — eine kurze Sequenz, die Sie auch zuhause leicht praktizieren können.
Ob Sie schon Qigong praktizieren oder erst neugierig geworden sind — der Frühling ist eine gute Zeit um anzufangen. In meinen Kursen in Wien 1070 arbeiten wir in dieser Zeit bewusst mit dem Frühlings-Qi.
Herzlich,
Hari Peichler