Vielleicht ist sie Ihnen auch schon begegnet. Ein durchtrainierter Herr, angeblich zweiundsechzig, erklärt in die Kamera, dass er Frauen in den Wechseljahren beibringt, mit Tai Chi in neun Minuten am Tag Fett zum Schmelzen zu bringen. Nach drei Tagen fühlen Sie sich besser, nach sieben Tagen verändern sich Ihre Augen, nach einem Monat erkennt Ihr Sohn Sie nicht wieder.
Diese Werbung läuft seit Monaten auf Facebook, Instagram, YouTube und TikTok. Sie ist mit künstlicher Intelligenz erzeugt, der Mann existiert nicht, und sie trägt einen Namen, den so keine Schule und keine Linie kennt: Tai Chi Walking. Weil ich seit Jahren Qigong unterrichte und weil diese Werbung sich genau an die Menschen richtet, die auch zu mir in den Kurs kommen, habe ich mir angesehen, was dahintersteckt. Was ich gefunden habe, ist interessanter als erwartet — und unangenehmer. Und am Ende steht eine Überraschung: Gehen als Übung gibt es wirklich. Es ist nur ungefähr das Gegenteil dessen, was da beworben wird.

Inhalt
Warum die Werbung für Tai Chi Walking absichtlich albern ist
Der erste Gedanke ist bei fast allen derselbe: Das ist so offensichtlich unecht, darauf fällt doch niemand herein. Und genau das ist der Punkt.
Ein Forscher bei Microsoft, Cormac Herley, hat 2012 eine Arbeit mit einem seltsamen Titel veröffentlicht: „Warum sagen nigerianische Betrüger, dass sie aus Nigeria sind?“ Seine Frage war dieselbe. Diese berühmten E-Mails vom Prinzen, der Ihnen ein Vermögen überschreiben will — warum sind sie so schlecht gemacht, so voller Fehler, so unglaubwürdig? Wer betrügen will, könnte es doch besser machen.
Herleys Antwort: Er könnte, aber es würde ihm schaden. Eine E-Mail zu verschicken kostet nichts. Teuer wird es danach — die Antwort, das Hin und Her, das Vertrauen aufbauen. Wer skeptisch ist, kostet den Betrüger also Zeit und springt am Ende doch ab. Der Trick besteht darin, die Nachricht so unglaubwürdig zu machen, dass jeder mit einem Rest Misstrauen sofort weiterscrollt. Übrig bleiben genau die, bei denen es funktionieren wird.
Die Lächerlichkeit ist kein handwerklicher Fehler. Sie ist ein Filter. Wenn Sie über den KI-Großvater mit dem Sixpack lachen und weiterwischen, haben Sie sich gerade kostenlos selbst aussortiert. Und wer nicht weiterwischt, den erwartet hinter Tai Chi Walking der eigentliche Aufbau: ein zehnminütiger Fragebogen nach Alter, Gewicht, Sorgen und Zielen. Ein Glücksrad, das den maximalen Rabatt auswirft. Ein Countdown, der von vorne beginnt, wenn er bei null angekommen ist. Der Preis erst am Ende, das automatische Verlängern klein darunter. Danach eine Reihe von Zusatzangeboten, bei denen die Zustimmung groß und bunt ist und das Überspringen ein blasses graues Wort am Rand. Zum Kündigen gibt es in der App keine Schaltfläche.
Ich nenne hier bewusst keine Firma. Es geht mir nicht darum, gegen jemanden zu Felde zu ziehen, und die Namen wechseln ohnehin schneller, als man einen Artikel aktualisieren kann. Es geht um das Muster. Wer das Muster kennt, erkennt auch die nächste Variante davon.
Was Qigong nicht kann
Und jetzt der Teil, bei dem ich gegen mein eigenes Geschäft argumentiere.
Wenn Sie die Werbung für Tai Chi Walking angeklickt haben, weil Sie abnehmen wollen — dann ist auch mein Kurs nicht das, was Sie suchen. Qigong ist kein Mittel zum Abnehmen. Nicht in neun Minuten, nicht in neun Wochen.
Das lässt sich beziffern. Es gibt ein internationales Verzeichnis, in dem der Energieverbrauch von mehreren hundert Tätigkeiten in Stoffwechseläquivalenten verzeichnet ist. Tai Chi und Qigong stehen dort bei 3 — dieselbe Größenordnung wie gemütliches Spazierengehen oder Geschirrspülen im Stehen; einzelne Messungen an ruhigen Qigong-Formen kommen sogar deutlich darunter heraus. Für eine Übungsstunde heißt das etwa 150 bis 200 Kilokalorien. Ungefähr zwei Scheiben Brot. Wer Gewicht verlieren will, kommt an Ernährung und an ausdauernder Bewegung nicht vorbei, und da ist zügiges Gehen ehrlicher und billiger als jede App.
Tai Chi Walking verkauft nicht Tai Chi. Es verkauft die Hoffnung, dass es einen Weg gibt, der nichts kostet, nicht wehtut und schnell geht. Diesen Weg gibt es nicht, und dass ausgerechnet eine chinesische Übungstradition als Verpackung dafür herhalten muss, ärgert mich. Am meisten trifft es Menschen, die schon vieles versucht haben und denen man am wenigsten wünscht, dass sie noch einmal enttäuscht werden.
Was es kann
Man muss deswegen nicht ins andere Extrem fallen. Für einige Wirkungen ist die Studienlage inzwischen ordentlich, und sie liegen alle in einem Bereich, für den sich keine Werbung interessiert, weil er sich schlecht in ein Vorher-Nachher-Bild pressen lässt.
Am besten belegt ist die Sturzprophylaxe. Eine Zusammenfassung von vierundzwanzig kontrollierten Studien kommt auf ein um etwa ein Viertel geringeres Sturzrisiko bei älteren Menschen, die regelmäßig Tai Chi üben. Messbar verbessern sich Gleichgewicht, Standsicherheit auf einem Bein und Gehgeschwindigkeit. Für jemanden über siebzig ist das kein Nebenaspekt — ein Sturz mit Oberschenkelhalsbruch verändert ein Leben mehr als jede Kleidergröße.
Dazu kommen Hinweise auf besseren Schlaf, auf einen etwas niedrigeren Blutdruck und auf eine Wirkung bei anhaltender Anspannung. Nichts davon ist spektakulär, und nichts davon passiert in sieben Tagen. Die Studien, die etwas finden, laufen über Monate.
Dass die Wirkung langsam kommt, ist übrigens kein Makel der Methode. Es ist ihr Wesen. Die Übungen, die ich unterrichte, stammen aus dem Daoyin Yangsheng Gong, und Yangsheng heißt wörtlich „das Leben nähren“. Nähren ist etwas, das man täglich tut und dessen Wirkung man erst nach langer Zeit sieht.
Am deutlichsten ist die Studienlage dort, wo es um das Nervensystem geht. Übersichtsarbeiten über kontrollierte Studien finden für Qigong und Tai Chi eine verlässliche, wenn auch moderate Wirkung auf Ängstlichkeit und gedrückte Stimmung; teilweise sinkt messbar der Cortisolspiegel. Kein Wundermittel, aber in derselben Größenordnung wie andere Dinge, die man Menschen mit Dauerstress guten Gewissens empfiehlt. Genau dafür ist Qigong seit jeher gedacht, und genau davon steht in der Werbung kein Wort — Ruhe verkauft sich schlechter als ein Bauchmuskel.
Das Gehen gibt es wirklich — nur anders
Und jetzt der Teil, der mich an dieser Geschichte am meisten stört. Denn ausgerechnet das Gehen, das Tai Chi Walking im Namen führt, ist keine Erfindung der Werbeleute. Es ist eine der ältesten Übungsformen, die es in diesem Feld gibt.
Lange bevor jemand von Tai Chi sprach, gingen daoistische Mönche der Quanzhen-Schule im Kreis. Stundenlang, langsam, mit einer gemurmelten Formel im Atemrhythmus — ein Gehen, das den Kopf still machen sollte, nicht den Körper müde. Aus dieser Übung ist Mitte des 19. Jahrhunderts eine ganze Kampfkunst hervorgegangen, das Baguazhang, dessen Grundübung bis heute genau das ist: einen Kreis abgehen, die Richtung wechseln, wieder von vorne. Wer das zum ersten Mal sieht, hält es für nichts. Wer es zwanzig Minuten macht, merkt, was es ist.
Die zweite Geschichte ist jünger und geht mir näher. Guo Lin, geboren 1909, war Malerin in China. Mit vierzig bekam sie eine Krebsdiagnose, zehn Jahre später kam die Erkrankung zurück. Sie nahm eine alte Übungsform aus ihrer Familie, veränderte sie und entwickelte daraus ein Qigong, das im Gehen geübt wird — Schritt und Atem in einem festen Muster gekoppelt. Ab 1971 unterrichtete sie es in den Parks von Peking, mitten in der Kulturrevolution, umsonst und unter persönlichem Risiko. 1977 kamen täglich mehrere hundert Menschen. Später waren es Millionen.
Das ist, wenn man so will, das echte „Walking Qigong“ — und es hat mit Tai Chi Walking nichts gemein außer dem geborgten Namen. Und ich erzähle es hier nicht ohne Einschränkung: Auch dieser Methode wurde zugeschrieben, sie könne Krebs heilen. Das kann sie nicht, und heutige Studien untersuchen sie als das, was sie ist — eine Unterstützung, etwa gegen die bleierne Erschöpfung nach einer Krebsbehandlung. Die Überhöhung gab es also auch im Original. Der Unterschied ist, dass eine Frau in einem Park niemandem die Kreditkarte belastet hat.
Was beim langsamen, bewussten Gehen passiert, lässt sich inzwischen halbwegs beschreiben. Wenn Schritt und Atem sich koppeln und das Tempo weit unter dem liegt, was Sie von selbst gehen würden, verschiebt sich das vegetative Nervensystem in Richtung des beruhigenden Astes. Es ist Bewegung und Meditation zugleich, was für viele Menschen der leichtere Zugang ist — im Sitzen still zu werden fällt den meisten schwerer als im Gehen.
In meinem Unterricht hat das seinen Platz in den Song-Gong-Übungen. Song (松) heißt gelöst, locker, durchlässig. Es sind sechs Übungen, bei denen es um Entspannung, Loslassen und Gleichgewicht geht; man übt sie vielerorts auch als Taiji-Basisübungen. Zwei davon zeigen im Ansatz genau das, wovon hier die Rede ist: das Gewicht langsam und bewusst von einem Fuß auf den anderen verlagern, mehr nicht.
Es sieht nach nichts aus. Es ist trotzdem oft die Stelle, an der Menschen im Kurs zum ersten Mal etwas bemerken — vielleicht gerade weil man dabei nichts können muss. Wer sie zu Hause üben möchte: Ich habe die sechs Übungen vor einiger Zeit als Video aufgenommen, den Link dazu bekommen Sie auf Anfrage. Er kostet nichts, und es hängt auch nichts daran.
Und dann ist da noch etwas, das keine App der Welt liefern kann. Menschen, die nebeneinander gehen, gleichen ihre Schritte unwillkürlich aneinander an; in Gruppen synchronisiert sich sogar die Atmung. Studien zu gemeinsamer, gleichgerichteter Bewegung finden dabei etwas Merkwürdiges: Die Schmerzschwelle steigt, und das Zusammengehörigkeitsgefühl auch — unabhängig davon, wie anstrengend die Bewegung war. Der Gleichtakt selbst tut etwas.
Deshalb ist es kein Zufall, dass diese Übungen über Jahrhunderte in Gruppen weitergegeben wurden und in China bis heute frühmorgens in Parks stattfinden. Es ist auch der Grund, warum ich nicht daran glaube, dass eine App das ersetzt. Was Tai Chi Walking verkauft, ist ein Mensch allein vor einem Bildschirm. Das Wirksame an der Sache war immer das Gegenteil.
Woran Sie einen echten Kurs erkennen
Vier Fragen, die vor jeder Anmeldung helfen — bei Tai Chi Walking, bei jedem anderen Online-Angebot und auch hier in Wien:
Steht der Preis da, bevor Sie Daten eingeben? Bei einem seriösen Angebot steht er auf der Seite. Wenn Sie erst einen Fragebogen ausfüllen müssen, bevor Sie erfahren, was es kostet, ist der Fragebogen nicht für Sie gemacht.
Gibt es einen Menschen mit Namen und Adresse? Ein Impressum, eine Telefonnummer, ein Ort, an dem tatsächlich jemand steht. Wenn im Impressum eine Briefkastenfirma steht und die Abrechnung über ein drittes Land läuft, wissen Sie im Streitfall nicht einmal, wen Sie anrufen sollen.
Wird Ihnen etwas versprochen, das an Ihrem Aussehen liegt? Ein Kurs kann Ihnen Übungen beibringen. Was Ihr Körper daraus macht, hängt von Ihnen ab, von Ihrem Alter, von Ihrer Geschichte. Jeder, der Ihnen ein Ergebnis mit Datum verspricht, weiß das und sagt es trotzdem.
Dürfen Sie zuschauen, bevor Sie zahlen? Das ist mir das liebste Merkmal. Eine Übungsgruppe, in die man nicht hineinschauen darf, hat etwas zu verbergen.
Falls es schon passiert ist
Sollte Ihnen — oder jemandem, den Sie kennen — bei Tai Chi Walking oder einem ähnlichen Angebot so eine Abbuchung passiert sein: Es ist nichts, wofür man sich schämen muss. Der ganze Ablauf ist von Fachleuten daraufhin gebaut worden, dass er funktioniert.
In Österreich haben Sie bei einem online abgeschlossenen Vertrag vierzehn Tage Rücktrittsrecht, ohne Angabe von Gründen. Die Watchlist Internet führt eine öffentliche Liste bekannter Abo-Fallen und erklärt das Vorgehen Schritt für Schritt. Beraten lassen können Sie sich kostenlos bei der Internet Ombudsstelle oder bei der Arbeiterkammer. Und in jedem Fall: der Bank Bescheid geben und die Zahlungsdaten sperren lassen.
Zum Schluss
Tai Chi Walking verspricht Ihnen neun Minuten. Ich verspreche Ihnen keine. Was ich anbiete, ist eine Stunde in der Woche in einem Raum in der Schottenfeldgasse, mit ein paar anderen Menschen, in der Sie Übungen lernen, die vor Ihnen schon sehr viele Leute gelernt haben. Ob Ihnen das etwas gibt, finden Sie am ehesten heraus, indem Sie einmal dabei sind.
Deshalb ist die erste Stunde bei uns gratis — nicht als Lockangebot mit Kleingedrucktem, sondern weil man so etwas ausprobiert haben muss, um es beurteilen zu können. Der Semesterkurs am Dienstagabend ist für dieses Semester bereits ausgebucht. Offen ist der Vormittagskurs am Donnerstag, 10:00 bis 11:30 Uhr, Beginn am 17. September. Sie können einfach kommen und sich das ansehen.
Und wenn Sie das nächste Mal die Werbung für Tai Chi Walking sehen, den KI-Großvater mit dem Sixpack: Er hat Sie nicht überzeugen wollen. Er wollte nur wissen, ob Sie weiterscrollen.
Das Gehen können Sie ihm ruhig wieder wegnehmen. Es hat lange vor ihm existiert und wird ihn überdauern — langsam, im Kreis, am besten zu mehreren.
Quellen
Ein Artikel, der anderen fehlende Belege vorwirft, sollte die eigenen offenlegen. Hier ist, worauf sich das Obenstehende stützt.
Zur Werbung und ihrer Mechanik
- Josh Brett: The $295,000,000 Tai Chi Walking Scam. YouTube, 19. Juni 2026. Die Recherche, die mich auf das Thema gebracht hat — der Autor hat den Anmeldevorgang selbst durchlaufen und dokumentiert.
- Cormac Herley: Why Do Nigerian Scammers Say They Are From Nigeria? Workshop on the Economics of Information Security (WEIS), Microsoft Research, 2012. Die Arbeit hinter dem Filter-Gedanken.
- Harry Brignull: deceptive.design — Sammlung und Systematik jener Gestaltungstricks, die der Text beschreibt: Countdown, versteckte Abbruchknöpfe, „leicht hinein, schwer hinaus“.
- Wudang Academy: MadMuscles Exposed — How a Predatory Fitness App Uses Deception. Beschreibung des Ablaufs in vier Schritten aus Sicht einer Kampfkunstschule.
Zu den Wirkungen
- Weidong Chen u. a.: Tai Chi for fall prevention and balance improvement in older adults. Frontiers in Public Health, 2023. 24 randomisierte Studien; das Sturzrisiko liegt bei 0,76 gegenüber den Vergleichsgruppen, also rund ein Viertel niedriger.
- Chong-Wen Wang u. a.: Managing stress and anxiety through qigong exercise in healthy adults. BMC Complementary and Alternative Medicine, 2014. Sieben randomisierte Studien, deutliche Effekte auf Angst und Stress — die Autoren mahnen ausdrücklich bessere Studien an.
- Barbara Ainsworth u. a.: Compendium of Physical Activities. Dort stehen Tai Chi und Qigong unter der Kennzahl 15670 mit 3 Stoffwechseläquivalenten.
Zum Gehen
- Bronwyn Tarr, Jacques Launay, Emma Cohen, Robin Dunbar: Synchrony and exertion during dance independently raise pain threshold and encourage social bonding. Biology Letters, 2015.
- Chen Ying (National University of Singapore): ethnographische Feldforschung zu Guolin-Qigong-Gruppen in China, erschienen bei Somatosphere — allein im Umfeld einer Stadt über 20.000 Mitglieder.
- Zur Lebensgeschichte Guo Lins und zum daoistischen Kreisgehen der Quanzhen-Schule stütze ich mich auf Darstellungen aus der Qigong- und Kampfkunstliteratur. Diese Angaben sind nicht in gleicher Weise überprüfbar wie die Studien oben, und ich kennzeichne sie deshalb gesondert.
Zur Rechtslage in Österreich
- Watchlist Internet (Österreichisches Institut für angewandte Telekommunikation): Liste und Erklärung der Abo-Fallen.
- Internet Ombudsstelle: kostenlose Schlichtung und Beratung bei Online-Verträgen.
- Wirtschaftskammer Österreich: Rücktrittsrecht bei Dienstleistungen im Internet, Fern- und Auswärtsgeschäfte-Gesetz (FAGG).